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Es handelt sich hierbei um eine Teilabschrift des Originalbuches von J. K. Rowling, Carlsen Verlag.

Die Gesamtpunkte meiner Bibliotheksbeiträge können in der Punkteübersicht (siehe Navigationsleiste) eingesehen werden.

 

 

Die Märchen von Beedle dem Barden

 

Inhalt

 

Der Zauberer und der hüpfende Topf

Der Brunnen des wahren Glücks

Des Hexers haariges Herz

Babbitty Rabbitty und der gackernde Baumstumpf

Das Märchen von den drei Brüdern

 

 

Der Zauberer und der hüpfende Topf

Es war einmal ein gütiger alter Zauberer, der seine magischen Kräfte großzügig und weise zum Wohle seiner Nächsten gebrauchte. Den wahren Ursprung seiner Macht offenbarte er nicht, vielmehr tat er so, als würden seine Tränke, Zaubersprüche und Gegengifte gebrauchsfertig aus dem kleinen Kessel springen, den er seinen Glückskochtopf nannte. Die Menschen kamen mit ihren Sorgen meilenweit von überall her zu dem Zauberer, und er rührte mit Vergnügen in seinem Topf und richtete die Dinge wieder.
Dieser vielgeliebte Zauberer erreichte ein beträchtliches Alter, dann starb er und hinterließ all sein Hab und Gut seinem einzigen Sohn. Dieser Sohn war von ganz anderer Wesensart als sein sanftmütiger Vater. Wer nicht zaubern konnte, war seiner Meinung nach wertlos, und er hatte oft über seines Vaters Gepflogenheiten geklagt, den Nachbarn magische Hilfe zu leisten.
Nach dem Tod des Vaters fand der Sohn, verborgen in dem alten Kochtopf, ein kleines Bündel, das seinen Namen trug. In der Hoffnung auf Gold öffnete er es, doch fand er stattdessen einen weichen, dicken Pantoffel darin, viel zu klein um ihn zu tragen, und ohne den dazugehörigen zweiten. Auf einem Stück Pergament in dem Pantoffel standen die Worte: "In der kühnen Hoffnung, dass du ihn nie brauchen wirst, mein Sohn".
Der Sohn verfluchte den altersschwachen Geist seines Vaters, dann warf er den Pantoffel in den Kessel zurück und beschloss, diesen fortan als Kehrrichteimer zu verwenden.
In derselben Nacht klopfte eine Bauersfrau an die Haustür.
"Meine Enkeltochter ist von zahlreichen Warzen geplagt, Herr", sagte sie. "Euer Vater hat früher immer einen heilenden Brei in diesem alten Kochtopf angerührt -"
"Scher dich fort!", schrie der Sohn. "Was kümmern mich die Warzen von deinem Gör?"
Und er schlug der Alten die Tür vor der Nase zu.
Sogleich war aus der Küche ein lautes Klirren und Klappern zu hören. Der Zauberer entzündete seinen Zauberstab und öffnete die Tür, und da sah er zu seinem Erstaunen den alten Kochtopf des Vaters: Ihm war ein einzelner Fuß aus Messing gewachsen, und er hüpfte mitten auf dem Boden auf und ab und machte einen schrecklichen Lärm auf den Steinfliesen. Verwundert trat der Zauberer näher, wich jedoch hastig zurück, als er sah, dass der Topf über und über mit Warzen bedeckt war.
"Ekelhaftes Ding!", schrie er und versuchte zunächst, den Topf verschwinden zu lassen, dann ihn durch einen Zauber zu reinigen, und schließlich, ihn aus dem Haus zu treiben. Doch keiner von seinen Zaubern wirkte, und er konnte nicht verhindern, dass der Topf hinter ihm herhüpfte, als er die Küche verließ, und ihm dann hinauffolgte bis zu seinem Bett, wobei er auf jeder der hölzernen Stufen laut klirrte und klapperte.
Der Zauberer fand die ganze Nacht lang keinen Schlaf, da der warzige alte Topf neben seinem Bett klapperte, und am nächsten Morgen bestand der Topf darauf, ihm zum Frühstückstisch hinterherzuhüpfen. Klirr, klirr, klirr, machte der Topf mit dem Messingfuß, und der Zauberer hatte seinen Haferbrei noch nicht einmal angerührt, als es abermals an der Tür klopfte.
Ein alter Mann stand davor.
"Meine alte Eselin, Herr", sagte er. "Die hat sich verlaufen oder ist gestohlen worden, und ohne sie kann ich meine Ware nicht zum Markt bringen, und meine Familie wird heute Abend Hunger leiden."
"Und ich bin jetzt hungrig!", brüllte der Zauberer und schlug dem alten Mann die Tür vor der Nase zu.
Klirr, klirr, klirr, machte der einzelne Messingfuß des Kochtopfs auf dem Boden, doch nun vermischte sich sein Lärm mit Eselsgeschrei und dem Stöhnen von hungrigen Menschen, das aus den Tiefen des Topfes heraufhallte.
"Bleib stehen. Sei still!, kreischte der Zauberer, aber all seine magischen Kräfte konnten den warzigen Topf nicht zum Verstummen bringen, der ihm den ganzen Tag hüpfend auf den Fersen blieb und schrie und stöhnte und klirrte, wohin der Zauberer auch ging und was er auch tat.
An jenem Abend klopfte es ein drittes Mal an der Tür, und auf der Schwelle stand eine junge Frau, die schluchzte, als wollte ihr das Herz brechen.
"Mein kleines Kind ist schwer krank", sagte sie. "Helft uns doch bitte! Euer Vater hieß m ich kommen, wenn ich Sorgen hätte -"
Aber der Zauberer schlug ihr die Tür vor der Nase zu.
Und nun füllte sich der Topf bis zum Rand mit salzigem Wasser und verschüttete Tränen über den ganzen Boden, während er hüpfte und schrie und stöhnte und ihm noch mehr Warzen wuchsen.
Obgleich für den Rest der Woche keine Dorfbewohner mehr kamen, um im Haus des Zauberers Hilfe zu suchen, kündete der Topf weiter von ihren zahlreichen Leiden.
Nach wenigen Tagen schrie er nicht mehr nur und stöhnte und schwappte über und hüpfte und bekam Warzen, sondern er röchelte auch und würgte, weinte wie ein kleines Kind, winselte wie ein Hund und spie ranzigen Käse aus und saure Milch und eine Plage hungriger Schnecken.
Mit dem Topf an seiner Seite konnte der Zauberer nicht essen und nicht schlafen, doch der Topf wollte nicht weggehen, und der Zauberer konnte ihn nicht zum Schweigen bringen oder ihn zwingen stillzustehen.
Schließlich konnte es der Zauberer nicht mehr länger ertragen.
"Bringt all eure Kümmernisse, all eure Beschwerden und eure Leiden zu mir!", schrie er und floh in die Nacht hinaus, während der Topf hinter ihm her den Weg zum Dorf entlanghüpfte. "Kommt! Ich will euch heilen, euch zusammenflicken und euch trösten! Ich habe den Kochtopf meines Vaters und ich werde euch gesund machen!"
Und während der widerliche Topf immer noch hinter ihm hersprang, rannte er die Straße entlang und schickte Zauber in alle Richtungen.
In einem Haus verschwanden die Warzen des kleinen Mädchens, während es schlief; die verirrte Eselin wurde von einem fernen dornigen Feld herbeigezaubert und sanft in ihrem Stall abgesetzt; der kranke Säugling wurde in Diptam getaucht und erwachte gesund und rosig. In jedem Haus, wo Krankheit und Sorge herrschte, tat der Zauberer sein Bestes, und mit der Zeit hörte der der Kochtopf neben ihm auf zu stöhnen und zu würgen und wurde still, blank und sauber.
"Nun, Topf?", fragte der zitternde Zauberer, als die Sonne allmählich aufging.
Der Topf spie mit einem Rülpser den einzelnen Pantoffel aus, den der Zauberer in ihn hineingeworfen hatte, und ließ es zu, dass er ihn über den Messingfuß zog. Gemeinsam machten sie sich wieder auf den Weg zum Haus des Zauberers, der Topf nun endlich gedämpften Schrittes. Doch von diesem Tag an half der Zauberer den Dorfbewohnern, wie es vor ihm sein Vater getan hatte, damit der Topf nicht seinen Pantoffel abwarf und abermals zu hüpfen begann.
 
 
 
Der Brunnen des wahren Glücks

 
Hoch auf einem Hügel in einem verzauberten Garten, umgeben von hohen Mauern und geschützt durch starke Magie, sprudelte der Brunnen des wahren Glücks.
Einmal im Jahr, am längsten Tag, zwischen der Stunde des Sonnenaufgangs und der des Sonnenuntergangs, bekam ein einziger Unglücklicher die Möglichkeit, sich bis zu dem Brunnen durchzukämpfen, in seinem Wasser zu baden und für immer wahres Glück zu empfangen.
Am festgesetzten Tag reisten Hunderte von Menschen aus dem ganzen Königreich herbei, um noch vor der Morgendämmerung zu den Mauern des Gartens zu gelangen. Männer und Frauen, Reich und Arm, Jung und Alt, mit magischer Kraft und ohne, alle versammelten sich in der Dunkelheit, ein jeder in der Hoffnung, derjenige zu sein, dem der Zugang zum Garten gewährt werde.
Drei Hexen, von denen jede ihre kummervolle Bürde zu tragen hatte, begegneten sich am Rand des Gedränges und erzählten einander von ihrem Leid, während sie auf den Sonnenaufgang warteten.
Die erste, mit Namen Asha, litt an einer Krankheit, der kein Heiler abhelfen konnte. Sie hoffte, dass der Brunnen sie von ihren Beschwerden befreien und ihr ein langes und glückliches Leben bescheren werde.
Der zweiten, mit Namen Altheda, hatte ein böser Zauberer ihr Haus, ihr Gold und ihren Zauberstab geraubt. Sie hoffte, dass der Brunnen sie von ihrer Ohnmacht und ihrer Armut erlösen werde.
Die dritte, mit Namen Amata, war von einem Mann verlassen worden, den sie innigst liebte, und glaubte, ihr Herz wäre auf ewig gebrochen. Sie hoffte, dass der Brunnen sie von ihrem Kummer und ihrer Sehnsucht erlösen werde.
Die drei Frauen bedauerten einander und vereinbarten, dass sie sich, sollte ihnen das Glück widerfahren, zusammentun und versuchen würden, den Brunnen gemeinsam zu erreichen.
Der erste Sonnenstrahl riss den Himmel auf und in der Mauer öffnete sich ein Spalt. Die Menschenmasse schob sich vorwärts, und jeder Einzelne bekundete mit lautem Geschrei seinen Anspruch auf den Segen des Brunnens. Aus dem Garten hinter der Mauer krochen Schlingpflanzen durch die andrängende Menge und wanden sich um die erste Hexe, Asha. Sie packte die zweite Hexe, Altheda, am Handgelenk, die sich ihrerseits fest an den Umhang der dritten Hexe klammerte, Amata.
Und Amata verfing sich in der Rüstung eines Ritters, der trostlos aussah und auf einem knochendürren Pferd saß.
Die Schlingpflanzen zerrten die drei Hexen durch den Spalt in der Mauer, und der Ritter wurde von seinem Ross und hinter ihnen hergezogen.
Die wütenden Schreie der enttäuschten Menge stiegen in die Morgenluft empor und verstummten schließlich, als die Gartenmauern sich wieder versiegelten.
Asha und Altheda zürnten mit Amata, die versehentlich den Ritter mitgebracht hatte.
"Nur eine kann in dem Brunnen baden! Es wird schwer genug sein, zu entscheiden, welche von uns das sein soll, da brauchen wir nicht noch einen!"
Sir Luckless, wie der Ritter in dem Land draußen vor den Mauern genannt wurde, bemerkte nun, dass dies Hexen waren, und weil er weder magische Kräfte besaß noch sonderlich großes Talent im Lanzenstechen oder im Schwertkampf noch sonst irgendetwas, das den nichtmagischen Mann auszeichnete, war er sich sicher, dass für ihn keine Hoffnung bestand, die drei Frauen auf dem Weg zum Brunnen zu überflügeln. Er erklärte deshalb, dass er sich wieder nach draußen vor die Mauern zurückziehen wolle.
Da wurde auch Amata zornig.
"Feigling!", schalt sie ihn. "Zieht Euer Schwert, Ritter, und helft uns, unser Ziel zu erreichen!"
Und so wagten sich die drei Hexen und der traurige Ritter in den verzauberten Garten hinein, wo zu beiden Seiten der sonnenbeschienen Wege seltene Kräuter, Früchte und Blumen in Hülle und Fülle wuchsen. Sie begegneten keinem Hindernis, bis sie den Rand des Hügels erreichten, auf dem der Brunnen stand.
Dort jedoch, um den Fuß des Hügels geschlungen, befand sich ein riesiger weißer Wurm, aufgebläht und blind. Als sie sich näherten, wandte er ihnen sein abscheuliches Gesicht zu und sprach die folgenden Worte:

 
Gebt mir den Beweis eures Leids.

 
Sir Luckless zog sein Schwert und versuchte das Ungeheuer zu töten, doch seine Klinge zerbrach. Darauf bewarf Altheda den Wurm mit Steinen, während Asha und Amata jeden Zauber ausprobierten, der ihn gefügig machen oder in einen tiefen Schlaf versetzen könnte, doch die Macht ihrer Zauberstäbe bewirkte nicht mehr als die Steine ihrer Freundin oder der Stahl des Ritters: Der Wurm ließ sie nicht vorbei.
Die Sonne stieg immer höher am Firmament, und in ihrer Verzweiflung begann Asha zu weinen.
Da legte der große Wurm sein Gesicht auf ihres und trank die Tränen von ihren Wangen. Als sein Durst gestillt war, glitt der Wurm beiseite und verschwand in einem Loch in der Erde.
Hocherfreut über das Verschwinden des Wurms begannen die drei Hexen und der Ritter den Hügel zu erklimmen, davon überzeugt, dass sie den Brunnen vor dem Mittag erreichen würden. Auf halbem Weg den steilen Abhang hinauf stießen sie jedoch auf eine Inschrift, die in die Erde vor ihnen eingefurcht war.

 
Gebt mir die Früchte eurer Mühen.

 
Sir Luckless zog seine einzige Münze hervor und legte sie auf den grasigen Hügel, aber sie kullerte davon und war verloren. Die drei Hexen und der Ritter setzten ihren Aufstieg fort, doch obwohl sie noch stundenlang weitergingen, kamen sie keinen Schritt voran; der Gipfel rückte nicht näher und die Inschrift lag immer noch in der Erde vor ihnen.
Alle hatten den Mut verloren, als die Sonne über ihre Köpfe stieg und gegen den fernen Horizont zu sinken begann, doch Altheda schritt schneller und kräftiger aus als die anderen und ermahnte sie, ihrem Beispiel zu folgen, obgleich sie keinen Schritt weiter den verzauberten Hügel hinaufgelangte.
"Nur Mut, Freunde, und gebt nicht auf!", rief sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Als die Tropfen glitzernd zur Erde fielen, verschwand die Inschrift, die ihren Weg versperrte, und sie sahen, dass sie weiter hinaufklettern konnten.
Voll Freude darüber, dass dieses zweite Hindernis beseitigt war, eilten sie, so schnell sie konnten, auf den Gipfel zu, bis sie endlich den Brunnen erblickten, der wie ein Kristall an einem idyllischen Platz zwischen Blumen und Bäumen glitzerte.
Ehe sie zu ihm gelangen konnten, kamen sie jedoch an einen Bach, der um die Hügelkuppe herumfloss und sie am Weitergehen hinderte. In den Tiefen des klaren Wassers lag ein glatter Stein, auf dem die Worte standen:

 
Gebt mir den Schatz eurer Vergangenheit.

 
Sir Luckless wollte den Bach auf seinem Schild überqueren, doch der ging unter. Die drei Hexen zogen ihn aus dem Wasser, dann versuchten sie selbst über das Flüsschen zu springen, doch es wollte sie nicht hinüberlassen, und währenddessen sank die Sonne immer tiefer am Himmel.
So fingen sie an, über die Bedeutung der steinernen Botschaft nachzugrübeln, und Amata war die erste, die sie verstand. Sie nahm ihren Zauberstab, zog alle Erinnerungen an glückliche Zeiten aus ihrem Kopf, die sie mit ihrem verschwundenen Liebhaber verbracht hatte, und warf sie in die reißende Strömung. Der Bach spülte sie davon, Trittsteine tauchten auf, und die drei Hexen und der Ritter konnten endlich zum Gipfel des Hügels weitergehen.
Der Brunnen schimmerte vor ihnen, inmitten von Kräutern und Blumen, die seltener und schöner waren als alle, die sie jemals gesehen hatten. Der Himmel brannte rubinrot, und es war an der zeit, zu entscheiden, wer von ihnen das Bad nehmen sollte.
Ehe sie jedoch ihre Entscheidung treffen konnten, stürzte die zarte Asha zu Boden. Erschöpft von ihrem mühseligen Weg hinauf zum Gipfel, war sie dem Sterben nahe.
Ihre drei Gefährten wollten sie schon zum Brunnen tragen, doch Asha litt Todesqualen und flehte, sie sollten sie nicht anrühren.
Da machte sich Altheda eilends daran, alle Kräuter zu pflücken, die ihr besonders viel versprechend erschienen, mischte sie in Sir Luckless' Wassergurde und flößte Asha den Trank ein.
Sogleich konnte Asha sich erheben. Und mehr noch, alle Anzeichen ihrer furchtbaren Krankheit waren verschwunden.
"Ich bin geheilt!", rief sie. "Ich brauche den Brunnen nicht - lasst Altheda baden!"
Doch Altheda war damit beschäftigt, noch mehr Kräuter in ihrer Schürze zu sammeln.
"Wenn ich diese Krankheit heilen kann, dann werde ich reichlich Gold verdienen! Lasst Amata baden!"
Sir Luckless verneigte sich und winkte Amata zum Brunnen, doch sie schüttelte den Kopf. Der Bach hatte allen Schmerz über ihren Liebsten fortgeschwemmt, und sie sah jetzt, dass er grausam und treulos gewesen war und dass es nur Glück war, ihn los zu sein.
"Guter Herr, Ihr müsst baden, als Lohn für all Eure Ritterlichkeit!", sprach sie zu Sir Luckless.
Also trat der Ritter in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne klirrend vor und badete im Brunnen des wahren Glücks, erstaunt darüber, dass er der Auserwählte aus Hunderten war, und schwindelig ob seines unfassbaren Geschicks.
Als die Sonne am Horizont versank, stieg Sir Luckless im Glanz seines Triumphes aus dem Wasser warf sich in seiner rosigen Rüstung Amata zu Füßen, der liebsten und schönsten Frau, die er je erblickt hatte. Erhitzt von seinem Erfolg, bat er um ihre Hand und ihr Herz, und Amata, nicht weniger entzückt, erkannte, dass sie einen Mann gefunden hatte, der ihrer würdig war.
Die drei Hexen und der Ritter machten sich, Arm in Arm, gemeinsam auf den Weg den Hügel hinab, und alle vier lebten lange und glücklich, und keiner von ihnen erfuhr, oder argwöhnte jemals, dass auf den Wassern des Brunnens gar kein Zauber lag.
 
 
 
Des Hexers haariges Herz

Es war einmal ein schöner, reicher und begabter junger Hexer, der beobachtete, dass seine Freunde sich töricht verhielten, sobald sie sich verliebten, dass sie umherhüpften und sich herausputzten, dass sie ihren Appetit und ihre Würde verloren. Der junge Hexer beschloss, niemals einer solchen Schwäche zum Opfer zu fallen, und mit Hilfe der dunklen Künste sorgte er dafür, dass er dagegen gefeit war.
Die Familie des Hexers wusste nichts von seinem Geheimnis und lachte, als sie ihn so zurückhaltend und kühl sah.
"Das wird sich alles ändern", prophezeiten sie, "wenn ein junges Mädchen ihm den Kopf verdreht!"
Aber niemand rührte am Kopf des jungen Hexers. Zwar gab es viele Frauen, die sein stolzes Gebaren reizte und ihm mit höchst raffinierter List zu gefallen suchten, doch keiner gelang es, sein Herz zu bewegen. Der Hexer schwelgte in seinem Gleichmut und in der Klugheit, mit der er ihn geschaffen hatte.
Die erste jugendliche Frische schwand, und die Altersgenossen des Hexers begannen zu heiraten und dann Kinder zur Welt zu bringen.
"Ihre Herzen müssen leere Hülsen sein", spottete er insgeheim, während er die Possen der jungen Eltern um sich herum beobachtete, "die Forderungen dieser wimmernden Kinder haben sie ausdörren lassen!"
Und noch einmal beglückwünschte er sich zu der Weisheit seiner frühen Entscheidung.
Zur rechten Zeit starben die greisen Eltern des Hexers. Ihr Sohn trauerte nicht um sie; im Gegenteil, er schätzte sich glücklich ob ihres Todes. Nun herrschte er allein über ihr Schloss. Nachdem er seinen größten Schatz in das tiefste Verlies gebracht hatte, widmete er sich einem Leben voller Bequemlichkeit und Überfluss, mit vielen Dienstboten, die nur sein Wohlergehen im Sinn hatten.
Der Hexer war sich sicher, dass er den grenzenlosen Neid aller erwecken müsse, die seiner großartigen und ungestörten Einsamkeit gewahr wurden. Bitter war daher sein Zorn und sein Verdruss, als er eines Tages zufällig hörte, wie zwei seiner Lakaien sich über ihren Herrn unterhielten.
Der erste Diener bekundete Mitleid mit dem Hexer, der trotz all seines Reichtums und all seiner Macht von niemandem geliebt wurde.
Doch sein Gefährte lachte höhnisch und fragte, weshalb denn ein Mann, der so viel Gold und ein prachtvolles Schloss sein Eigen nenne, unfähig gewesen sei, eine Frau für sich zu gewinnen.
Die Worte der Diener trafen den lauschenden Hexer fürchterlich in seinem Stolz.
Er beschloss, auf der Stelle, eine Frau zu heiraten, und zwar eine Frau, die allen anderen überlegen sein würde. Sie würde von verblüffender Schönheit sein, Neid und Begehren eines jeden Mannes entfachen, der sie erblickte; sie würde von magischer Abstammung sein, so dass ihre Nachkommen hervorragende magische Talente erben würden; und sie würde mindestens so reich sein wie er selbst, damit sein behagliches Leben trotz der Erweiterung seines Haushalts gesichert wäre.
Es hätte den Hexer fünfzig Jahre kosten können, eine solche Frau zu finden, doch zufällig kam an ebendem Tag, da er beschlossen hatte, sie aufzuspüren, eine junge Frau, die genau seinen Wünschen entsprach, in die Gegend, um ihre Verwandten zu besuchen.
Sie war eine Hexe von erstaunlichem Geschick und besaß viel Gold. Ihre Schönheit war so groß, dass sie das Herz eines jeden Mannes rührte, dessen Blick auf sie fiel; eines jeden Mannes, das heißt mit einer Ausnahme. Das Herz des Hexers empfand überhaupt nichts. Dennoch war sie die Trophäe, die er suchte, und er begann, ihr den Hof zu machen.
Alle, die das veränderte Benehmen des Hexers bemerkten, waren erstaunt und sagten zu dem Mädchen, dass sie dort gesiegt habe, wo hundert andere gescheitert waren.
Die junge Frau selbst war hingerissen und abgestoßen zugleich von dem Werben des Hexers. Sie spürte die Kälte, die hinter seinen warmen Schmeicheleien lag, und sie hatte noch nie einen so merkwürdigen und unnahbaren Mann getroffen. Ihre Verwandten hielten die beiden jedoch für ein vollkommenes Paar, und in ihrem Eifer, sie zu unterstützen, nahmen sie die Einladung des Hexers zu einem großen Fest zu Ehren der Jungfrau an.
Die Tafel war vollbeladen mit Silber und Gold und trug die edelsten Weine und üppigsten Speisen. Spielleute klimperten auf den seidenen Saiten ihrer Lauten und besangen eine Liebe , die ihr Herr nie empfunden hatte. Die junge Frau saß auf einem Thron neben dem Hexer, der mit leiser Stimme sprach und zärtliche Worte verwendete, die er den Dichtern gestohlen hatte, nicht ahnend, was sie in Wahrheit bedeuteten.
Die junge Frau lauschte verwirrt und antwortete schließlich: "Ich sprecht gut, Hexer, und ich wäre über Euer Werben hocherfreut, wenn ich nur glauben könnte, dass Ihr ein Herz habt!"
Der Hexer lächelte und sagte, dass sie in dieser Hinsicht keine Furcht hegen müsse. Er bat sie, ihm zu folgen, und führte sie fort von dem Fest und hinunter zu dem abgeschlossenen Verlies, wo er seinen größten Schatz aufbewahrte.
Hier, in einem verzauberten Kristallkasten, befand sich das pochende Herz des Hexers.
Seit langem schon von Augen, Ohren und Fingern abgetrennt, war es nie der Schönheit zum Opfer gefallen oder einer wohlklingenden Stimme oder der Empfindung von seidenweicher Haut. Die Jungfrau war entsetzt über seinen Anblick, denn das Herz war vertrocknet und mit langen schwarzen Haaren bedeckt.
"Oh, was habt Ihr getan?" klagte sie. "Steckt es dorthin zurück, wo es hingehört, ich flehe Euch an!"
Der Hexer sah, dass dies unumgänglich war, wenn er ihr gefallen wollte, und er zog seinen Zauberstab, öffnete den Kristallkasten, schnitt sich die eigene Brust auf und setzte das haarige Herz wieder in die leere Höhlung, die es einst bewohnt hatte.
"Nun seid Ihr geheilt und werdet wahre Liebe erfahren!", rief die Jungfrau und sie umarmte ihn.
Die Berührung ihrer weichen weißen Arme, der Klang ihres Atems in seinem Ohr, der Duft ihres schweren, goldenen Haares: All dies durchbohrte das neuerwachte Herz wie Speere. Doch es war im Laufe seiner langen Verbannung sonderbar geworden, blind und grausam in der Dunkelheit, zu der es verdammt worden war, und seine Gelüste waren nun übermächtig und verderbt.
Die Festgäste hatten die Abwesenheit ihres Gastgebers und der jungen Frau bemerkt. Anfangs kümmerte es sie nicht, doch als die Stunden vergingen, wurde ihnen bange, und schließlich begannen sie das Schloss zu durchsuchen.
Am Ende fanden sie das Verlies und dort erwartete sie ein äußerst schrecklicher Anblick.
Die Jungfrau lag tot am Boden, mit aufgeschlitzter Brust, und neben ihr kauerte der wahnsinnige Hexer, in der einen blutigen Hand ein großes, glattes, glänzendes scharlachrotes Herz, das er leckte und streichelte, während er schwor, sein eigenes dafür einzutauschen
In der anderen Hand hielt er seinen Zauberstab und versuchte, das ausgedörrte haarige Herz aus seiner eigenen Brust hervorzulocken. Doch das haarige Herz war stärker als er und weigerte sich, die Gewalt über seine Sinne aufzugeben oder in den Sarg zurückzukehren, wo es so lange eingeschlossen gewesen war.
Vor den entsetzten Augen seiner Gäste warf der Hexer seinen Zauberstab beiseite und packte einen silbernen Dolch. Mit dem Schwur, sich niemals von seinem Herzen beherrschen zu lassen, hackte er es aus seiner Brust heraus.
Einen Augenblick lang saß der Hexer triumphierend auf den Knien, ein Herz fest in jeder Hand; dann fiel er über den Leichnam des Mädchens und starb.
 
 
 
 
Babbitty Rabbitty und der gackernde Baumstumpf


Vor langer Zeit lebte in einem fernen Land ein törichter König, der beschloss, dass er alleine die Macht der Zauberei besitzen sollte.
Deshalb befahl er dem Anführer seiner Armee, eine Brigade von Hexenjägern aufzustellen, die er mit einer Meute blutrünstiger schwarzer Hunde ausstattete. Gleichzeitig ließ der König in jedem Dorf und in jeder Stadt des Landes Proklamationen verlesen:
"Vom König wird gesucht: ein Lehrer für Zauberei."
Keine echte Hexe, kein echter Zauberer wagte es, sich freiwillig für den Posten zu melden, denn sie hielten sich alle vor der Brigade von Hexenjägern versteckt.
Doch ein listiger Scharlatan ohne magische Kraft sah eine Gelegenheit, sich zu bereichern, und er fand sich im Palast ein und behauptete, ein Zauberer von gewaltigen Fähigkeiten zu sein. Der Scharlatan vollführte ein paar einfache Tricks, die den törichten König von seinen magischen Kräften überzeugten, und wurde auf der Stelle zum Obersten Großzauberer, zum persönlichen Zauberlehrer des Königs ernannt.
Der Scharlatan bat den König, ihm einen großen Sack voller Gold zu geben, damit er Zauberstäbe und anderes magisches Handwerkszeug kaufen könne. Er verlangte auch mehrere große Rubine, die bei der Ausübung von Heilzaubern verwendet werden sollten, und ein oder zwei Silberkelche zur Aufbewahrung und Reifung von Zaubertränken. All diese Dinge beschaffte ihm der törichte König.
Der Scharlatan verstaute den Schatz sicher in seinem eigenen Haus und kehrte zu den Palastgründen zurück.
Er wusste nicht, dass er von einer alten Frau beobachtet wurde, die in einer Hütte am Rande des Schlossparks wohnte. Ihr Name war Babbitty, und sie war die Waschfrau, die dafür sorgte, dass die Wäsche des Palastes immer weich, wohlriechend und weiß war. Als Babbitty hinter ihren trocknenden Laken hervorlugte, sah sie, wie der Scharlatan zwei Zweige von einem der Bäume des Königs abbrach und im Palast verschwand.
Der Scharlatan gab dem König einen der Zweige und versicherte ihm, es sei ein Zauberstab von ungeheurer Macht.
"Er wird jedoch nur seinen Dienst tun", sagte der Scharlatan, "wenn Ihr seiner würdig seid."
Jeden Morgen gingen der Scharlatan und der törichte König hinaus in den Schlosspark, wo sie ihre Zauberstäbe schwangen und unsinniges Zeug in den Himmel schrien. Der Scharlatan war sorgsam darauf bedacht, weitere Tricks zu vollführen, damit der König keine Zweifel an den Fähigkeiten seines Großzauberers hegte und an der Macht der Zauberstäbe, die so viel Gold gekostet hatten.
Eines Morgens, als der Scharlatan und der törichte König ihre Zweige herumwirbelten und im Kreis hüpften und sinnlose Reime sangen, drang ein lautes gackerndes Lachen an des Königs Ohr. Babbitty, die Waschfrau, beobachtete den König und den Scharlatan vom Fenster ihres Häuschens aus und lachte so heftig, dass sie, zu schwach zum Stehen, bald umsank und den Blicken entschwand.
"Ich muss höchst würdelos aussehen, dass ich das alte Waschweib so zum Lachen bringe!", sagte der König. Er hörte auf zu hüpfen und seinen Zweig herumzuwirbeln und runzelte die Stirn. "Ich bin des Übens langsam müde! Wann werde ich so weit sein, dass ich meinen Untertanen echte Magie vorführen kann, Zauberer?"
Der Scharlatan versuchte seinen Schüler zu beruhigen und versicherte ihm, dass er bald zu erstaunlichen Meisterstücken der Magie fähig sein werde, doch Babbittys Gackern hatte den törichten König stärker getroffen, als der Scharlatan wusste.
"Morgen", sagte der König, "werden wir unseren Hofstaat einladen, seinem König beim Zaubern zuzusehen!"
Der Scharlatan erkannte, dass es an der Zeit war, seinen Schatz an sich zu nehmen und zu fliehen.
"O weh, Eure Majestät, das ist nicht möglich! Ich hatte vergessen, Eurer Majestät mitzuteilen, dass ich mich morgen auf eine lange Reise begeben muss - "
"Wenn du diesen Palast ohne meine Erlaubnis verlässt, Zauberer, wird meine Brigade von Hexenjägern dich mit ihren Hunden zur Stecke bringen! Morgen früh wirst du mir behilflich sein, wenn ich zum Ergötzen meiner Edelleute zaubere, und sollte jemand mich auslachen, werde ich dich köpfen lassen!"
Der König stürzte zurück in den Palast, und der Scharlatan blieb allein und voll Furcht zurück. Seine ganze Listigkeit konnte ihn jetzt nicht retten, denn davonlaufen konnte er nicht, noch konnte er dem König beim Zaubern helfen, das keiner von beiden beherrschte.
Auf der Suche nach jemand, an dem er seine Angst und Wut auslassen konnte, trat der Scharlatan an das Fenster von Babbitty, der Waschfrau. Er spähte hinein und sah die kleine alte Frau an ihrem Tisch sitzen und einen Zauberstab polieren. In einer Ecke hinter ihr wuschen sich die Bettlaken des Königs von selbst in einer Holzwanne.
Der Scharlatan begriff sofort, dass Babbitty eine echte Hexe war und dass sie, die ihn in diese entsetzlichen Schwierigkeiten gebracht hatte, ihm auch wieder heraushelfen konnte.
"Weib!", brüllte der Scharlatan. "Dein Gackern ist mich teuer zu stehen gekommen! Wenn du mir nicht hilfst, werde ich dich als Hexe anprangern, und dann wirst du diejenige sein, die von den Hunden des Königs zerfetzt wird!"
Die gute Babbitty lächelte dem Scharlatan zu und versicherte ihm, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun werde, um ihm zu helfen.
Der Scharlatan wies sie an, sich in einem Busch zu verstecken, während der König seine magische Vorstellung gab, und die königlichen Zauber ohne sein Wissen für ihn auszuführen. Babbitty stimmte dem Plan zu, stellte aber eine Frage.
"Was ist, mein Herr, wenn der König sich an einem Zauber versucht, den Babbitty nicht ausführen kann?"
Der Scharlatan spottete.
"Deine Magie ist der Einbildungskraft dieses Dummkopfs mehr als ebenbürtig", versicherte er ihr, und hochzufrieden mit seiner eigenen Schlauheit zog er sich ins Schloss zurück.
Am nächsten Morgen versammelten sich alle Edelmänner und Edelfrauen des Königreiches im Schlosspark. Der König stieg auf eine Bühne vor ihnen, den Scharlatan an seiner Seite.
"Zuerst werde ich den Hut dieser Dame verschwinden lassen!", rief der König und richtete seinen Zweig auf eine Edelfrau.
Aus einem nahen Busch heraus richtete Babbitty ihren Zauberstab auf den Hut und ließ ihn verschwinden. Groß waren das Erstaunen und die Bewunderung der Menge, und ihr Applaus für den überglücklichen König war laut.
"Als Nächstes werde ich dieses Pferd fliegen lassen!" rief der König und richtete seinen Zweig auf sein eigenes Ross.
Aus dem Busch heraus richtete Babbitty ihren Zauberstab auf das Pferd und es stieg hoch in die Luft.
Die Menge war noch erregter und verblüffter und bekundete ihrem Zauberkönig tosend ihre Anerkennung.
"Und jetzt", sagte der König, während er auf der Suche nach einer Idee ringsumher sah; da stürmte der Hauptmann seiner Brigade von Hexenjägern vor.
"Eure Majestät" sagte der Hauptmann, "just heute Morgen ist Saber gestorben, weil er einen Giftpilz gefressen hat! Macht ihn wieder lebendig, Eure Majestät, mit Eurem Zauberstab!"
Und der Hauptmann hievte den leblosen Körper des größten der Hexenjagdhunde auf die Bühne.
Der törichte König schwang seinen Zweig und richtete ihn auf den toten Hund. Doch im Busch lächelte Babbitty und machte sich nicht die Mühe, ihren Zauberstab zu heben, denn kein zauber kann die Toten auferwecken.
Als der Hund sich nicht rührte, begannen die Leute zuerst zu tuscheln und dann zu lachen. Sie hatten den Verdacht, dass die ersten beiden Meisterstücke des Königs im Grunde nur Tricks gewesen waren.
"Warum geht es nicht?" schrie der König den Scharlatan an, der sich der einzigen List besann, die ihm noch blieb.
"Dort, Eure Majestät, dort!" rief er und deutete auf den Busch, in dem Babbitty versteckt saß. "Ich sehe sie deutlich, eine niederträchtige Hexe, die Eure Zauber mit ihren eigenen bösen Flüchen blockiert! Ergreift sie, jemand muss sie ergreifen!"
Babbitty floh aus dem Busch, worauf die Brigade von Hexenjägern die Verfolgung aufnahm und die Hunde von der Leine ließ, die nach Babbittys Blut lechzten. Doch dann erreichte die kleine Hexe eine niedrige Hecke und war nicht mehr zu sehen, und als der König, der Scharlatan und alle Höflinge zur anderen Seite der Hecke gelangten, fanden sie die Meute der Hexenjagdhunde bellend und scharrend rund um einen schiefen alten Baum herum.
"Sie hat sich in einen Baum verwandelt!", schrie der Scharlatan, und aus Angst, dass Babbitty sich in eine Frau zurückverwandeln und ihn anprangern könnte, fügte er hinzu: "Hackt sie nieder, Eure Majestät, so geht man mit bösen Hexen um!"
Sofort wurde eine Axt gebracht, und unter lauten Beifallsrufen der Höflinge und des Scharlatans wurde der alte Baum gefällt.
Doch als sie sich aufmachten, um zum Palast zurückzukehren, ließ ein lautes Gackern sie plötzlich innehalten.
"Narren!", rief Babbittys Stimme von dem Baumstumpf her, den sie zurückgelassen hatten.
"Hexen und Zauberer können nicht getötet werden, indem man sie entzweihackt! Wenn ihr mir nicht glaubt, nehmt die Axt und hackt den Großzauberer mittendurch!"
Der Hauptmann der Brigade von Hexenjägern wollte voll Eifer den Versuch machen, doch als er die Axt hob, sank der Scharlatan auf die Knie, bat schreiend um Gnade und gestand all seine bösen Taten. Als der Scharlatan zu den Kerkern fortgeschleppt wurde, gackerte der Baumstumpf lauter denn je.
"Du hast eine Hexe entzweigehackt und so einen schrecklichen Fluch über dein Königreich heraufbeschworen!", sagte der Stumpf zu dem schreckensstarren König. "Von nun an wird jeder Schlag, mit dem du meinen magischen Gefährten schadest, wie ein Axthieb in deine eigene Seite sein, bis du dir wünschen wirst, du könntest daran sterben!"
Daraufhin sank auch der König auf die Knie und sagte dem Baumstumpf, dass er sogleich eine Proklamation erlassen werde, die alle Hexen und Zauberer des Königreichs schützen und ihnen erlauben werde, in Frieden ihre Magie zu betreiben.
"Sehr gut", sagte der Baumstumpf, "aber du hast Babbitty noch nicht entschädigt!"
"Alles, alles, was du begehrst!", rief der törichte König händeringend vor dem Stumpf.
"Du wirst eine Statue von Babbitty auf mir errichten, zum Andenken an deine arme Waschfrau und um dich für immer an deine eigene Torheit zu erinnern!", sagte der Stumpf.
Der König willigte sofort ein und versprach, den ersten Bildhauer des Landes zu verpflichten und die Statue aus reinem Gold anfertigen zu lassen. Dann kehrten der beschämte König und all seine Edelmänner und Edelfrauen zum Palast zurück, während der Baumstumpf hinter ihnen hergackerte.
Als die Palastgründe wieder verlassen dalagen, wand sich durch ein Loch zwischen den Wurzeln des Baumstumpfs ein dickes altes Kaninchen mit Schnurrhaaren, das einen Zauberstab zwischen die Zähne geklemmt hatte. Babbitty hoppelte aus dem Schlosspark und weit fort, und seither stand eine goldene Statue der Waschfrau auf dem Baumstumpf und keine Hexe und kein Zauberer wurde im Königreich jemals wieder verfolgt.

 


 
Das Märchen von den drei Brüdern

 
Es waren einmal drei Brüder, die wanderten auf einer einsamen, gewundenen Straße in der Abenddämmerung dahin. Nach einiger Zeit kamen die drei Brüder zu einem Fluss, der war so tief, dass sie nicht hindurchwaten konnten, und so gefährlich, dass sie nicht ans andere Ufer schwimmen konnten. Doch die Brüder waren der magischen Künste kundig, und so schwangen sie einfach ihre Zauberstäbe und ließen eine Brücke über dem tückischen Wasser erscheinen. Sie hatten die Brücke halb überquert, da trat ihnen eine Kapuzengestalt in den Weg.
Und der Tod sprach zu ihnen. Er war zornig, weil er um drei neue Opfer betrogen worden war, denn für gewöhnlich ertranken Wandersleute in dem Fluss. Doch der Tod war gerissen. Er tat, als würde er den drei Brüdern zu ihrer Zauberkunst gratulieren, und sagte, weil sie so klug gewesen seien, ihm zu entrinnen, verdiene jeder von ihnen einen Lohn.
So verlangte denn der älteste Bruder, der ein kämpferischer Mann war, einen Zauberstab, der mächtiger als alle anderen sein sollte: einen Zauberstab, der seinem Besitzer in jedem Duell zum Sieg verhelfen würde, einen Zauberstab, der eines Zauberers würdig war, der den Tod besiegt hatte! Also ging der Tod zu einem Elderbaum am Ufer des Flusses, formte einen Zauberstab aus einem Zweig, der dort hing, und schenkte ihn dem ältesten Bruder.
Dann beschloss der zweite Bruder, der ein hochmütiger Mann war, den Tod noch mehr zu demütigen, und verlangte nach der Macht, andere aus dem Tod zurückzurufen. Also nahm der Tod einen Stein vom Flussufer und schenkte ihn dem zweiten Bruder, und er sagte ihm, dass der Stein die Macht haben werde, die Toten zurückzuholen.
Und dann fragte der Tod den dritten und jüngsten Bruder nach seinem Wunsch. Der jüngste Bruder war der genügsamste und auch der weiseste der Brüder, und er traute dem Tod nicht. Also bat er um etwas, das es ihm ermöglichen würde, von dannen zu gehen, ohne dass ihn der Tod verfolgte. Und der Tod übergab ihm, höchst widerwillig, seinen eigenen Umhang, der unsichtbar machte.
Nun trat der Tod beiseite und erlaubte den drei Brüdern, ihre Reise fortzusetzen, und dies taten sie und sprachen voller Staunen über das Abenteuer, das sie erlebt hatten, und bewunderten die Geschenke des Todes.
Bald darauf trennten sich die Brüder und ein jeder ging seines Weges.
Der erste Bruder war über eine Woche auf Wanderschaft, als er in ein fernes Dorf gelangte, wo er sich einen anderen Zauberer suchte, mit dem er einen Streit begann. Natürlich konnte er mit dem Elderstab als Waffe in dem Duell, das darauf folgte, nur gewinnen. Der älteste Bruder ließ seinen Gegner tot auf der Erde liegen und begab sich in ein Wirtshaus, wo er lautstark mit dem mächtigen Zauberstab prahlte, den er dem Tod selber entrissen habe und der ihn unbesiegbar mache.
Noch in derselben Nacht schlich sich ein anderer Zauberer an den ältesten Bruder heran, der trunken vom Wein auf seinem Bett lag. Der Dieb nahm den Zauberstab und schnitt dem ältesten Bruder obendrein die Kehle durch.
Und so machte der Tod sich den ersten Bruder zu eigen.
Unterdessen wanderte der zweite Bruder nach Hause, wo er allein lebte. Hier nahm er den Stein hervor, der die Macht hatte, die Toten zurückzurufen, und drehte ihn drei Mal in der Hand. Zu seiner Verwunderung und Freude erschien vor ihm sogleich die Gestalt jenes Mädchens, das er einst hatte heiraten wollen, ehe sie vorzeitig gestorben war.
Doch sie war stumm und kühl, wie durch einen Schleier von ihm getrennt. Obgleich sie in die Welt der Sterblichen zurückgekehrt war, gehörte sie in Wahrheit nicht dorthin und litt. Schließlich wurde der zweite Bruder wahnsinnig vor unerfüllbarer Sehnsucht, und er tötete sich, um wirklich bei ihr zu sein.
Und so machte der Tod sich den zweiten Bruder zu eigen.
Doch obwohl der Tod viele Jahre lang nach dem dritten Bruder suchte, konnte er ihn niemals finden. Erst als der jüngste Bruder ein hohes Alter erreicht hatte, legte er schließlich den Umhang ab, der unsichtbar machte, und schenkte ihn seinem Sohn. Und dann hieß er den Tod als alten Freund willkommen und ging freudig mit ihm, und ebenbürtig verließen sie dieses Leben.

 



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